Von der Ausnahme auf die Regel schließen?…

…Die Frage stellt sich angesichts dieses Postings bei Twitter und der dazugehörigen Diskussion. Sie nimmt Bezug auf die Äußerungen Richard David Prechts dazu, wer das BGE nicht bekommen soll und aus welchem Grund.

Was passiert in diesem Beitrag? Jemand hat Erfahrungen mit bestimmten Lebenswelten gemacht, die im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung als Ausnahme gelten können. Die Erfahrungen waren eindringlich und offenbar verunsichernd, obwohl der- oder diejenige in diesem Bereich ausgebildet ist. Es sind – so deute ich das hier – Lebenswelten, die entweder schon mit dem Jugendamt in Berührung gekommen sind oder kurz davor sind, mit ihm in Berührung zu kommen, weil die Kinder- und Jugendhilfe im Achten Buch Sozialgesetzbuch dem Schutz des Kindeswohls dient.

Ja, das ist die Realität, es gibt Eltern, die keinen Sinn für ihre Kinder haben, deren Aufmerksamkeit vor allem oder ganz auf sich gerichtet ist und die zu mehr nicht fähig sind. Das ist entscheidend: Sie sind nicht fähig dazu, weil sie eine entsprechende Vorgeschichte haben. Darüber darf nicht vergessen werden, dass dieses Phänomen nichts mit Egoismus oder Eigeninteresseverfolgung zu tun hat, sondern noch Ausdruck davon ist, das eigene Leben nicht wirklich gestalten zu können. Die Unfähigkeit, die Bedürfnisse anderer wahr- und ernstzunehmen ist eine schwerwiegende Folge einer gescheiterten Sozialisation. Was hier nun vielleicht hart klingen mag, ist jedoch keine moralische Bewertung, sondern nur eine Feststellung der Zusammenhänge. Daraus folgt eben keineswegs, und das ist der Unterschied zum Posting bei Twitter, denjenigen ihre Würde abzusprechen und sie unter Vorbehalt zu stellen. Nein, sie sind, wie sie sind, allenfalls müssen ihre Kinder vor ihnen geschützt werden und das ist wahrlich eine diffizile Aufgabe (siehe hier). Trotz alledem darf nicht übersehen werden, in welcher Lage sie sind und ob ein BGE nicht ihnen ebenso eine Anerkennung zuteil lassen würde, die es heute so nicht gibt, und diese Anerkennung vielleicht Dinge ermöglicht, die ihnen heute nicht möglich sind. Davon abstrahiert das Posting vollständig und verharrt damit bloß in der Feststellung eines Missstandes, ohne seine Entstehung zu berücksichtigen. Damit übersieht es Alternativen.

Sascha Liebermann