„Fragwürdige Drittelung des Lebens“…

…lautet die Überschrift zu einem Beitrag in der Neuen Zürcher Zeitung von heute, der eine interessante Perspektive eröffnet, aber keine Lösung benennt. Er erinnert an die heutige Unterteilung des Lebens in drei Phasen – Aufwachsen und Ausbildung, Erwerbstätigkeit, Ruhestand/Freizeit – und fragt, ob sie denn den noch zeitgemäß sei. Work-Life-Balance, so die Kritik, reiße Momente des Lebens auseinander, die zusammengehören, eben die genannten drei.

Auch wenn der Beitrag, ohne es auszusprechen Lösungsvorschläge erahnen lässt wie Verlängerung der Lebensarbeitszeit und Senkung der Standards sozialer Absicherung, spricht er dies nicht offen aus. Im Gang der Gedankenführung jedoch könnte am Ende, wie eine reife Frucht, die gepflückt werden kann, das bedingungslose Grundeinkommen stehen. Alles, was der Beitrag benennt, wäre möglich, ohne jemanden zu etwas bestimmtem zu drängen. Der Verzicht auf ein Renteneintrittsalter, wenn durch das bGE für eine dauerhafte Absicherung – wenn auch nicht des Lebensstandards – gesorgt wäre; mehr Zeit für Familie, wer will; früheres Ende der Erwerbstätigkeit, wenn gewünscht usw. Im Unterschied zu Vorschlägen wie der Verkürzung der Arbeitszeit, der Einführung eines Mindestlohns und der Erhöhung der Erwerbsquote – alles Ziele, die Erwerbstätigkeit weiterhin zum Zentrum des Lebens machen würden, böte das bGE einen freiheitlich-solidarischen Ausweg. Es liegt in der Luft.

Sascha Liebermann

„Geld oder Würde?“

Unter diesem Titel sendete der NDR einen Beitrag von Mathias Greffrath (Manuskript, Podcast). Auch wenn der Autor keinesfalls als Befürworter von Hartz IV gelten kann, so bleibt ihm die befreiende Kraft des bedingungslosen Grundeinkommens offenbar verschlossen. Wer sich eingehender mit seiner Kritik befassen will, der sei noch auf den Beitrag „Stütze für alle“ (taz) verwiesen.

Netzrealität und das wirkliche Leben – wie Unterstützer für das bGE gewinnen?

Das Archiv Grundeinkommen hat eine Zuschrift erhalten und zitiert daraus auf seiner Website folgenden Ausschnitt:

„27.7. Aus einer Mail von R.H.:
…Nur mit BGE-Petitionen unterschreiben und „gefällt mir“-Button klicken und BGE-Internetsurfen und BGE-Newsletter abonnieren wird das nichts mit dem BGE! Fast alle regionalen BGE-Initiativen leiden an heftigem Geldmangel und zuwenig aktiven verläßlichen Mitgliedern. 100.000 BGE-Sympatisanten im Internet stehen nur drei handvoll Aktive im realen Leben gegenüber. Es gibt kaum BGE-Interessierte, die Beitrag zahlen oder spenden!…“

R.H. weist hier auf eine Schwierigkeit hin, mit der alle Initiativen, nicht nur die, die das bGE verbreiten möchten, ringen. Auch wir kennen aus eigener Erfahrung die Anstrengungen, derer es bedarf, damit aus guten Absichten und Ideen reale Aktivitäten werden. Ist dies erreicht, dann wird man mit die Erfahrung machen, dass der Zuspruch zu öffentlichen Diskussions- und Vortragsveranstaltungen sehr schwankt. In ländlichen Gegenden kommen manchmal mehr Interessierte als in größeren Städten (relativ zur Bevölkerung). Wenn nur wenige kommen, bedeutet das aber nicht, dass die Mühe umsonst war. Wenn die Wenigen die Idee mit nach Hause nehmen und verbreiten, ist viel erreicht. Nur der Umstand, mehr Zuhörer erreicht zu haben, bedeutet ja nicht, dass diese auch die Idee verbreiten.

In der Tat braucht es auch manchmal Zeit, bis sich ein verlässlicher Kreis aktiver Personen gefunden hat, die dann als Initiative zusammenwirken wollen. Zum einen ist dafür Klarheit in den Zielen, die man erreichen will, unerlässlich. Sonst weiß man nicht, wofür man sich einsetzt oder einsetzen soll. Es muss aber auch die Chemie stimmen, die Aktiven müssen miteinander „können“. Ein solches Zusammenwirken kann besonders schwierig werden, wenn man nicht genügend aufgeschlossen füreinander ist, auch für die Eigenheiten und Schrulligkeiten, die jeder mehr oder minder mit sich herumträgt. Zu große Eitelkeit von Aktiven bedeutet für eine Initiative meist das Ende. Kompromissbereitschaft ist notwendig.

Es bedarf natürlich auch der Offenheit nach außen, der Offenheit den Skeptikern und Kritikern gegenüber. Nur wer mit ihnen sich auseinzusetzen bereit ist, ohne sich über sie zu erheben, wird langfristig etwas bewegen. Wir beobachten seit einiger Zeit Tendenzen unter Grundeinkommensbefürwortern, diese Auseinandersetzung zu vernachlässigen oder gar für nervig und überflüssig zu halten. Das gefährdet das Fortkommen der Diskussion.

Für die Finanzierung von Veranstaltungen gibt es viele Wege:

  • Anfragen an Stiftungen und Kommunen richten, die gezielt öffentliche Veranstaltungen fördern. Allerdings nehmen die Anfragen im allgemeinen zu, so dass auch hier die Mittel knapper werden, die vergeben werden können. Hartnäckigkeit, Transparenz des Vorhabens und persönliche Ansprache sind für Erfolg hilfreich.
  • Privatpersonen, um Spenden ersuchen. Wir haben das mittels Spendenaufruf immer wieder getan, mit unterschiedlichem Erfolg.
  • Räume nutzen, die beinahe kostenfrei überlassen werden. Vereine, Kirchengemeinden und Kommunen sind hierzu oft bereit.
  • Eintrittsgeld nehmen. Veranstalter verzichten oft auf Eintrittsgeld und setzen darauf, dass freiwillig gespendet wird. Das birgt das Risiko, auf den Kosten, die manchmal erheblich sind, sitzen zu bleiben, sofern nicht anderweitig finanzielle Unterstützung erwirkt wird. Wir haben mit Eintrittsgeldern gute Erfahrungen gemacht. Es ist erstaunlich, wie bereitwillig Interessierte Eintritt entrichten, auch wenn sie wenig Geld zur Verfügung haben. Eintritt macht auch transparent, dass Kosten entstanden sind, die gedeckt werden müssen – ein klares Signal an Interessierte. Erlassen von Eintritt oder auch Reduktion sind immer möglich.

Der erste Punkt, den R.H. aufwirft, soll hier der letzte sein. In der Tat wird die Bedeutung des Internets, der virtuellen Unterstützer für ein bGE, überschätzt. Zwar ist das Internet heute ein wichtiges und unerlässliches Instrument, um Informationen zu verbreiten, sich auszutauschen und zu koordinieren. Es kann hilfreich sein, um zu mobilisieren. Doch damit das gelingt, benötigt es Bereitschaft, sich mobilisieren zu lassen. Das Internet ersetzt nicht den Sprung in die reale Auseinandersetzung von Angesicht zu Angesicht – hier muss jeder selbst entscheiden, ob er das kann und will. Diese Auseinandersetzung ist aber durch nichts zu ersetzen.

Berliner Initiative tritt aus dem Netzwerk Grundeinkommen aus – Kritik am Netzwerk

Die Bürgerinitiative bedingungsloses Grundeinkommen Berlin e.V. hat ihren Austritt aus dem Netzwerk Grundeinkommen erklärt. Das alleine wäre keine Meldung wert, handelt es sich doch um den ganz normalen Vorgang der Kündigung einer Mitgliedschaft. Wir berichten trotzdem darüber, weil die Initiative eine detaillierte Erklärung vorgelegt hat, die für Grundeinkommensaktive im allgemeinen von Bedeutung sein könnte.

Kritik ist am Netzwerk Grundeinkommen wiederholt geübt worden in den vergangenen Jahren, auch anlässlich der Anhörung zur Petition von Susanne Wiest und dem Auftreten des Netzwerks aus diesem Anlass (siehe unsere Kommentare hier und hier).

Manche beklagen solch offene Debatten und schließen daraus, dass die Grundenkommensbewegung zerstritten sei. Wir halten diese Einschätzung für unangemessen. Vieles spricht dafür, dass es gerade die pluralistische Debatte der letzten Jahre war, die das bedingungslose Grundeinkommen in den letzten Jahren vorangebracht hat. Sicher gibt es überzogene Kritik, sicher gibt es wie überall Eitelkeiten, die den Blick trüben und an die Stelle einer sachlichen Auseinandersetzung treten. Im allgemeinen aber bezeugt die Grundeinkommensdiskussion samt der offen vorgetragenen Kritik doch nur eines: die Lebendigkeit demokratischer Auseinandersetzung.

 

Oberbürgermeister von Görlitz hält das bedingungslose Grundeinkommen für wegweisend

Görlitz Oberbürgermeister Joachim Paulick kann laut einem Bericht von FAKTUELL dem Vorschlag eines bedingungslosen Grundeinkommens viel abgewinnen. Die Probleme der Kommune scheinen den Blick dafür zu schärfen, dass alle bislang versuchten Wege der Arbeits- und Sozialpolitik nicht weiterführen. Offenbar benötigt es mehr Nähe zu den drückenden Problemen einer Kommune, damit die Chancen eines bGEs erkannt werden. Götz W. Werner war eingeladen, um über das bGE zu sprechen.
Hier geht es zum Bericht.

Wie geht es weiter mit der Petition von Susanne Wiest?

Susanne Wiest hat einen Brief aus dem Bundestag erhalten. In Ihrem Blog informiert sie darüber, wie es nun mit der Petition weitergeht. Statt der üblichen zwei Berichterstatter zu einer Petition wollen offenbar alle Fraktionen berichten. Die Petition – und damit das bedingungslose Grundeinkommen – brennt offenbar auf den Nägeln.

„Das bedingungslose Grundeinkommen – eine Alternative?“ – Grüne Zeiten

Im Rahmen der Veranstaltung „Grüne Zeiten – die Denkfabrik“, die am 15. Oktober in Bonn stattfindet, soll es einen Workshop zum bedingungslosen Grundeinkommen geben. Aus der Mail: „Damit ein Workshop in die engere Wahl kommt, muss dieser eine hohe Bewertung haben.“ Abgestimmt werden kann auf der Website.

Audiomitschnitt einer Veranstaltung zum bedingungslosen Grundeinkommen

Am 16. Juni fand eine Podiumsdiskussion zum bedingungslosen Grundeinkommen in Köln statt. Veranstalter war common purpose unter Mitwirkung der Kölner Initiative Grundeinkommen

Auf dem Podium diskutierten:
Dr. Lale Akgün (MdB a.D., Politikerin, Ärztin, Psychologin, Autorin), Dr. Sascha Liebermann (Mitbegründer und Sprecher der Initiative „Freiheit statt Vollbeschäftigung“), Wolfgang Scheiblich (Geschäftsführer des Sozialdienst katholischer Männer e.V.), Christoph Schlee, Gründungsmitglied der Kölner Initiative Grundeinkommen e.V. sowie Dr. Sebastian Lotz, Volkswirt beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Moderation: Kerstin Stromberg-Mallmann.

Audiomitschnitt des Impulsvortrags von Sascha Liebermann
Fragen an Sascha Liebermann nach dem Vortrag
Audiomitschnitt der gesamten Veranstaltung

Einen Kommentar zu Äußerungen von Sebastian Lotz (so wie Sascha Liebermann sie erinnerte) finden Sie hier.