„Warum die Alten neidisch auf die Jugend sind“…

…ein Beitrag zur unterschiedlichen Betrachtung derselben Sache durch verschiedene Generationen von Sascha Lobo auf Spiegel online. Was Lobo dort beschreibt, passt zu Untersuchungen über den Wandel der Lebensführung im Zeichen zunehmender Autonomie, siehe z.B. hier, hier und hier.

„Die falsche Gerechtigkeit“ und die Frage der Individuierung…

…damit befasste sich ein Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der auf ein Gespräch mit dem Soziologen Stefan Liebig (Universität Bielefeld/ Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) zurückgeht. Darin ging es um die Frage, ob der Vorstellung von Verteilungsgerechtigkeit, also der Verteilung von Einkommensströmen, nicht ein anderes Gerechtigkeitsmoment an die Seite gestellt werden müsse, denn in jüngerer Vergangenheit hätten Vorschläge zu einer stärkeren Umverteilung im klassischen Sinne nicht die entsprechende Resonanz erhalten. Liebig, folgt man dem Bericht, macht damit auf einen interessanten Punkt aufmerksam, ob nämlich der heutige Sozialstaat und seine Vorstellung von Umverteilung nicht einem anderen wichtigen Moment des modernen Lebens entgegensteht: Selbstbestimmung und individuellem Freiraum. Diese Frage führt direkt, ohne dass es im Beitrag erwähnt würde, zum Bedingungslosen Grundeinkommen, das genau damit gerechtfertigt werden könnte. Dabei ist mit der Stärkung des Individuums nicht der Marktteilnehmer gemeint. Im Zentrum steht dabei eine Existenzvoraussetzung der modernen Demokratie: der mündige, autonome Bürger.

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„Warum versagt die Volkswirtschaftslehre“ – eine Diskussion im SWR-Radio

Der reißerischen Titel soll womöglich aufmerksam machen, die Diskussion hingegen beschäftigt sich mit der grundsätzlichen Frage, wie sich Modellbildung und Wirklichkeit zueinander verhalten, eine Frage, die in das Zentrum der Sozialwissenschaften führt, zu denen auch die Wirtschaftswissenschaften gehören. Hier geht es zur Sendung. Sehen Sie zu weiteren methodischen Überlegungen auch den Kommentar zu diesem Beitrag

Der in diesem Kommentar erfolgte Hinweis auf andere Methoden jenseits statistischer Verfahren ist zutreffend, aber missverständlich. „Fallstudien“ sind in der Regel nur deskriptive Darstellungen einer konkreten Problemkonstellation, eine methodisch kontrollierte Analyse wird damit nicht geleistet. Dazu bedarf es fallrekonstruktiver Verfahren, hier besonders elaboriert ist die Objektive Hermeneutik (siehe auch hier). Im Unterschied zu statistischen Verfahren, die alle standardisiert Vorgehen, sowohl in der Datenerhebung wie auch in der -auswertung (Phänomene werden unter zuvor gebildete Kategorien subsumiert), zielen fallrekonstruktive Verfahren auf die Bestimmung des Allgemeinen im Besonderen und des Besonderen im Allgemeinen. Diese Vorgehensweise erlaubt es erst, real operierende Sinngebilde in ihrer Konkretion zu bestimmen und geregelt Schlussfolgerungen zu ziehen. Statistische Verfahren hingegen stoßen nur auf Korrelationen, sie sind keine Kausalitäten. Reinhard Selten, Nobelpreisträger, hat vor Jahren ebenfalls die Modellfixierung auf den homo oeconomicus kritisiert. Mit ist es selbst schon wiederholt begegnet, dass Wirtschaftswissenschaftler einer Kritik an diesen Annahmen entgegenhalten, sie bräuchten jedoch ein Modell, um rechnen zu können. Was aber soll ein Modell, das der Wirklichkeit nicht entspricht, berechnen können? 

Sascha Liebermann

“Kann Arbeitsleistung weiterhin als basales Kriterium der Verteilungsgerechtigkeit dienen?”

Ulrich Oevermann, Prof. em. (Soziologie), hat 1983 eine Analyse mit diesem Titel verfasst, die erst Anfang dieses Jahres in Form eines Buchbeitrages veröffentlicht wurde (siehe unseren Hinweis auf den Sammelband von Manuel Franzmann). Zwar war der Text in der Frankfurter Stadt- und Universitätsbibliothek herunterzuladen, konnte aber bislang als „graues Papier“ gelten.

Wohl gab es in den achtziger Jahren eine intensive Debatte über die „Krise der Arbeitsgesellschaft“ und auch das Grundeinkommen, insofern ist Oevermanns Beitrag hierzu nicht ungewöhnlich. Die Analyse selbst jedoch ist es durchaus, weil sie technologischen Fortschritt und strukturelle Arbeitslosigkeit anders deutet. Sie sind nicht alleine der Grund für Alternativen zur Erwerbszentrierung, sondern auch Resultat intrinsisch motivierter Leistungsbereitschaft. Folgerichtig hebt der Beitrag heraus, dass beide Phänomene nur die Problemlage verschärfen, die sich aus der historischen Entfaltung von Autonomie ergibt. Die Lage führt zu folgendem Widerspruch: Auf der einen Seite besteht – so die Diagnose von 1983 – eine allgemeine Leistungsverpflichtung fort, die in Erwerbsarbeit einzulösen ist, und nur dort als Gemeinwohlbeitrag anerkannt wird. Das soll notfalls mit einer Umverteilung von (Erwerbs-) Arbeit erreicht werden (Arbeit als knappes Gut); auf der anderen Seite jedoch hat sich die Lebensführung in einem Maße individuiert (nicht individualisiert!), dass Leistung und Sinnhaftigkeit nach eigenen Gütekriterin bestimmt werden, eine allgemeine Umverteilung und Vorschrift von Arbeitszeit oder Bestimmung von Gütekriterien ihr jedoch entgegensteht. Dieser Widerspruch droht nun gerade die Leistungsethik, die Grundlage des Wohlstandes ist, zu zerstören, weil an einer normativen Verpflichtung – der Erwerbsarbeit – festgehalten wird, denn sie entsprich den individuierten Lebensentwürfen nicht mehr. Diese Schlussfolgerung ist es, die die Analyse, auch wenn vom Grundeinkommen in ihr keine Rede ist, dennoch aktuell erscheinen lässt. Sie hebt nämlich die Basis von Wohlstand, die individuierte Leistungsbereitschaft, heraus, die in der Regel unterschätzt, wenn nicht gar in ihrer Bedeutung kleingeredet wird – das Stichwort „Anreiz“ sei zum Hinweis genannt.

Oevermanns Einsichten, das sei erläuternd beigefügt, rühren aus einem Forschungsverständnis, dass sich die Welt nicht anhand hoch aggregierter quantifizierter Daten erschließt, wie sind in weiten Teilen der Sozialwissenschaften verwendet werden, sondern auf der Basis von Fallrekonstruktionen (siehe hier und hier). Sie geben reichhaltigen Einblick in konkrete Lebensvollzüge und erlauben es, handlungsleitende Überzeugungen und Motivationen detailliert zu bestimmen, die in quantitativen Erhebungen lediglich verschüttet werden.

Sascha Liebermann