Jean-Claude Juncker für ein Bedingungsloses Grundeinkommen?

Seitdem deutlich wurde, dass Jean-Claude Juncker zum Kommissionspräsident gewählt werden könnte, kursieren Hinweise auf seine Äußerungen zum Grundeinkommen aus dem Jahr 2006. War er damals tatsächlich Befürworter eines BGE? Was hat er genau gesagt? In dem Interview „Wir brauchen in Europa ein Grundeinkommen für alle“, das die Frankfurter Rundschau damals abdruckte, heißt es:

„…Frankfurter Rundschau: Welche Mindeststandards halten sie in der EU für unerlässlich?
Jean-Claude Juncker: Ein Grundeinkommen. Das heißt: Jeder, der in einem EU-Mitgliedsland wohnt, hat Anspruch auf ein Mindesteinkommen. Dieses muss natürlich nicht überall gleich sein. Brüssel kann nicht die Höhe festlegen, sollte aber prinzipielle Regeln für eine soziale Grundsicherung formulieren…“

Juncker kritisiert in den Ausführungen vor dieser Passage ganz offen die Entwicklung zu mehr befristeten Beschäftigungsverhältnissen und die Sorge der Arbeitnehmer, nicht mehr ausreichend Einkommen für das Auskommen ihrer Familien erzielen zu können. Doch, von einem BGE ist nicht die Rede, es geht um eine Grundsicherung, die – wie heute – bedarfsgeprüft sein könnte. Seine Ausführungen sind so allgemein, dass er sich die verschiedensten Ideen hineininterepretieren ließen.

Wie er, so sprach sich der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler in 2005 ebenfalls für ein Grundeinkommen aus: „Wer nichts verdient, erhält eine Grundsicherung vom Staat“. Auch hier indes geht es nicht um ein BGE. Wo von Grundeinkommen die Rede ist, muss also genau hingesehen werden, was damit gemeint ist.

Sascha Liebermann

Voranschreitende Computerisierung, mögliche Folgen – ein Beitrag dazu auf Zeit Online

„Ist er besser als wir“, titelt ein Beitrag auf Zeit Online, der sich mit zukünftigen Folgen weiterer Computerisierung befasst und am Ende auf das Grundeinkommen zu sprechen kommt. Dort wird Erik Brynjolfsson erwähnt, über dessen Studien wir berichteten. Siehe auch „What will future jobs look like?“.

„Mein Grundeinkommen“ erhält erhebliche Resonanz in den Medien

Vor kurzem haben wir auf die Aktion von Michael Bohmeyer hingewiesen, der per crowdfunding Geld einwirbt, um ein Grundeinkommen zu verlosen. Die mediale Räsonanz ist erheblich, hier eine kleine Presseschau, die dem Archiv Grundeinkommen entnommen ist:

24.7.2014: bild.de:
Berliner verlost 12000 Euro Grundeinkommen
24.4.2014: Berliner Kurier:
Das 1000-Euro-Experiment
(incl. Abstimmungsmöglichkeit)
22.7.2014: twitter.com:
Was doch die Aufmachung ausmacht.
24.7.2014: tagesspiegel.de:
Berliner sammelt für bedingungsloses Grundeinkommen
24.7.2014: rbb-online.de:
Berliner Unternehmer will Grundeinkommen verlosen
24.7.2014: stern.de:
Was würden Sie mit 12.000 Euro anstellen?
24.7.2014: n24.de:
12.000 Euro für ein Jahr Nichtstun
24.7.2014: huffingtonpost.de:
Bedingungsloses Grundeinkommen: In Berlin werden 12.000 Euro für ein Jahr Nichtstun verlost
24.7.2014: Berliner Morgenpost:
Berliner verlost 12.000 Euro für ein Jahr Nichtstun
24.7.2014: welt.de:
Berliner verlost 12.000 Euro für ein Jahr Nichtstun
24.7.2014: t-online.de:
Berliner startet Test für bedingungsloses Grundeinkommen
(incl. Abstimmungsmöglichkeit)
24.7.2014: Berliner Zeitung:
Berliner testet bedingungsloses Grundeinkommen
22.7.2014: br.de:
Grundeinkommen zu verlosen
22.7.2014: youtube.com:
12.000€ fürs Nichtstun – Grundeinkommen für alle? (3 Min)
22.7.2014: rp-online.de: Rheinische Post:
Berliner verlost bedingungsloses Grundeinkommen
21.7.2014: zeit.de:
Ich arbeite, also bin ich
Arbeit bestimmt, welche soziale Stellung wir haben. Wer nicht arbeiten will, gilt als Schmarotzer. Dieser Drill ist gegen die Natur.
21.7.2014: taz.de:
Crowdfunding für Grundeinkommen
Ein Vorbild per Losverfahren

„Einmal infiziert, für immer verseucht“ – ein Artikel über die Frankfurter Stadtentwässerung…

…und damit über die schmutzigen und unangenehmen Arbeiten, die mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen angeblich nicht mehr geleistet würden. Der Beitrag gibt einen Einblick in das Ethos derer, die dort arbeiten und die Anstrengungen, die damit verbunden sind. Hier geht es zum Beitrag.

„Warum versagt die Volkswirtschaftslehre“ – eine Diskussion im SWR-Radio

Der reißerischen Titel soll womöglich aufmerksam machen, die Diskussion hingegen beschäftigt sich mit der grundsätzlichen Frage, wie sich Modellbildung und Wirklichkeit zueinander verhalten, eine Frage, die in das Zentrum der Sozialwissenschaften führt, zu denen auch die Wirtschaftswissenschaften gehören. Hier geht es zur Sendung. Sehen Sie zu weiteren methodischen Überlegungen auch den Kommentar zu diesem Beitrag

Der in diesem Kommentar erfolgte Hinweis auf andere Methoden jenseits statistischer Verfahren ist zutreffend, aber missverständlich. „Fallstudien“ sind in der Regel nur deskriptive Darstellungen einer konkreten Problemkonstellation, eine methodisch kontrollierte Analyse wird damit nicht geleistet. Dazu bedarf es fallrekonstruktiver Verfahren, hier besonders elaboriert ist die Objektive Hermeneutik (siehe auch hier). Im Unterschied zu statistischen Verfahren, die alle standardisiert Vorgehen, sowohl in der Datenerhebung wie auch in der -auswertung (Phänomene werden unter zuvor gebildete Kategorien subsumiert), zielen fallrekonstruktive Verfahren auf die Bestimmung des Allgemeinen im Besonderen und des Besonderen im Allgemeinen. Diese Vorgehensweise erlaubt es erst, real operierende Sinngebilde in ihrer Konkretion zu bestimmen und geregelt Schlussfolgerungen zu ziehen. Statistische Verfahren hingegen stoßen nur auf Korrelationen, sie sind keine Kausalitäten. Reinhard Selten, Nobelpreisträger, hat vor Jahren ebenfalls die Modellfixierung auf den homo oeconomicus kritisiert. Mit ist es selbst schon wiederholt begegnet, dass Wirtschaftswissenschaftler einer Kritik an diesen Annahmen entgegenhalten, sie bräuchten jedoch ein Modell, um rechnen zu können. Was aber soll ein Modell, das der Wirklichkeit nicht entspricht, berechnen können? 

Sascha Liebermann